CfP| “Zeit. Zur Temporalität von Kultur” (43. dgv-Kongress | Regensburg 2021)

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Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Bezieher*innen der kv-Mailingliste!

Der Call for Papers zum 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für
Volkskunde, der vom 20. bis 23. September 2021 in Regensburg stattfinden
wird, ist nun erschienen.
Die Ausschreibung finden Sie im Anschluss oder unter folgendem Link auf
der dgv-Website:
www.d-g-v.de/call-for-papers/

Zeit. Zur Temporalität von Kultur

43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv)

Regensburg | 20.–23.9.2021

Call for Papers

Kultur und Zeit sind untrennbar verbunden. Kultur verändert sich
innerhalb der Zeit und struktu-riert zugleich Vorstellungen von
Temporalität. Die Speicherung und Weitergabe von Wissen über lange
Zeiträume hinweg organisieren kulturelle Handlungen, Identitäten und
deren Transformati-onen. Diese Praktiken ermöglichen überhaupt erst
Positionierungen des Menschen gegenüber der Welt, der Vergangenheit und
der Zukunft, gegenüber kulturellen Prozessen und gesellschaftlichen
Konventionen. Die Zeitlichkeit von Kultur ist eine grundsätzliche
Prämisse empirisch-ethnografischer und historisch ausgerichteter
kulturwissenschaftlicher Forschung.

Zeit ist aus Sicht einer empirischen Kulturwissenschaft eine
grundsätzliche kulturelle Ordnungsleis-tung und – anders als in anderen
Disziplinen – keine präexistente, der Kultur vorgängige physika-lische
Größe.

Temporalität fundiert die Auffassung von Kultur als prinzipiell
geschichtlichem Phänomen. Zeitli-ches Handeln und Wissen sind immer
raum- und sozialspezifisch. Die Wahrnehmung und Bedeu-tung von Zeit in
Alltagskulturen unterliegt somit ständigem Wandel und soziokulturellen,
politi-schen, räumlichen, ökonomischen oder biografischen
Differenzierungen. Kontinuitäten, aber auch Konflikte zwischen
divergierenden Zeitpraxen formieren in komplexer Wechselwirkung mit
raumbe-zogenen und sozialen Kategorien individuelle und kollektive
Identitäten. Zeitkulturen verleihen Gesellschaften ihren Rhythmus:
Erinnerungspolitiken und Zukunftspraxen, Altersvorstellungen und
Ereignisse des Lebenslaufs, die unterschiedlichen Tempi gegenwärtiger
Arbeits-, Wirtschafts-, Konsum- und Freizeitwelten. Nicht zuletzt haben
zeitliche Taktungen auch eine ökonomische Di-mension der Wertschöpfung,
sowohl in der Arbeitszeit wie in der Freizeit.

Aktuell illustrieren verschiedene Entwicklungen, welche hohe Bedeutung
einerseits Retrotopien und Revisionen des Vergangenen, andererseits auch
Utopien, Nachhaltigkeitsvisionen und zu-kunftsgerichtetes Handeln
besitzen. Klimawandel, reaktionäre politische Systeme oder
„Heritage-Boom“: Zahlreiche globale Konflikte des Anthropozäns entfalten
sich entlang gegenläufiger kultu-reller Bewertungen von Kontinuität und
Wandel, von Tradition und Moderne, von Fortschrittseu-phorie und
Zukunftsangst, von zyklischen und linearen Zeitmodellen, von
Vergänglichkeit und Verlust. Die großen Individualisierungsschübe des
20. und 21. Jahrhunderts und die neoliberale Transformation sozialer
Systeme und Arbeitswelten haben dabei zu einer Pluralisierung zeitlicher
Ordnungen, historischer Erinnerungskulturen, Zukunftspraxen und
etablierter Zeitregime geführt.

Das Interesse an Zeitlichkeit, der Gewordenheit und dem Werden
gegenwärtiger Alltagswelten ist ein zentraler Ausgangspunkt von
Forschung im Kontext Europäischer Ethnologie. So formierte sich zu
Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur eine erste ethnografische
Epistemologie in der Ausei-nandersetzung mit der Zeitlichkeit von
kulturellen Phänomenen – hier in erster Linie Kontinuitäten und
Traditionen –, sondern auch ein breites öffentliches Bewusstsein für die
wachsende Bedeutung von Zeitregimen in der entstehenden industriellen
Welt. Nicht zuletzt aufgrund jenes fachspezifi-schen Interesses an
Traditionen und Transformationen, verfügt die Empirische
Kulturwissenschaft / Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie als
historisch fundierte und gegenwartsorientierte Disziplin über besondere
theoretische und methodische Kompetenzen in der Auseinandersetzung mit
zeitlichen Ordnungssystemen, die etwa Thesen vom „Fall des Zeitregimes
der Moderne“ (Ass-mann 2013) empirisch reflektieren kann.

Zeitvorstellungen und -wahrnehmungen sind zugleich von langer Dauer und
hochgradig dyna-misch, teilweise universell und doch immer lokalisiert.
Die Perspektive „Zeit“ eröffnet Blicke auf Phänomene von Verdichtung,
Be- und Entschleunigung sowie Resonanzen und Dissonanzen in makro- und
mikrosozialen Kontexten. Die Durchdringung individueller und kollektiver
Lebenswel-ten durch Rhythmisierungen und Wertzuschreibungen bildet hier
einen Fokus. Zeit als kulturelle Ordnungsleistung bleibt dabei nicht
lediglich eine immaterielle Größe, sondern manifestiert sich vielfältig
auch in der Materialität von Kultur. Die Entwicklung von Kalendarien und
Uhren etwa ver-weist dabei ebenso auf naturräumliches Erfahrungswissen
(Klimaperioden, Vegetationszyklen, Mondphasen). Über die Etablierung von
Mess- und Vergleichstechniken entwickeln Zeitregime in ihrer kulturellen
Dinghaftigkeit vermehrt Macht als Taktgeber globaler Welten.
Zeitmessungen und -kontrollen sind wichtige Kulturtechniken im Alltag.
Jüngere digitale Regime entchronologisieren aktuell viele dieser
traditionellen Muster und etablieren neue (A-)Synchronizitäten zum
Beispiel von Arbeit und Freizeit, dem Lokalen und dem Globalen.

Moden und Trends bieten alltägliche Rhythmen und biografische
Orientierungen, indem sie Kultu-ren der Unterhaltung und des Vergnügens,
der Körperlichkeit, aber auch der Kleidung und Ernäh-rung strukturieren.
Der „Zeitgeist“ misst kulturellen Phänomenen aus geschichtlich-sozialen
Kon-texten heraus Wertigkeit und Bedeutung zu und steht dabei selbst
beständig im Mittelpunkt der Frage eines „guten“ oder „zeitgemäßen“
Lebens – etwa auch dann, wenn es um Fragen der Be-schleunigung und der
gefühlten zeitlichen Verdichtung unserer Alltage geht, um Freizeit und
Muße oder der Vorstellung von „Zeitverschwendung“. So besteht zwischen
der Fremd- und Selbstbe-stimmtheit zeitlicher Regime eine breite Kluft,
die historische und gegenwärtige Identitäten grund-sätzlich formiert,
besonders in Bereichen wie den Arbeits- und Freizeitkulturen mit ihren
Formen und Formaten der Selbstorganisation und Selbstoptimierung, aber
auch im Alltag wie in Mahlzei-tensystemen und im Konsum.

Zeitliches Handeln findet in der Gegenwart statt, richtet sich aber –
etwa in Festen und Ritualen – oft auf Vergangenheit oder Zukunft und
impliziert so Planen und Hoffen ebenso wie Erinnern und Vergessen. Der
politische und religiöse Rekurs auf Geschichte etabliert
Vergangenheiten, die zeit-lich in die Gegenwart hineinragen und diese
fundamental prägen und in Wert setzen – nicht zuletzt auch über die
Materialität von Kultur, etwa in Retro-, Vintage- oder Sammelpraktiken.
Die Konjunk-tur von Cultural Heritage fällt ebenso unter diese aktiven
Zeitpraxen wie die auf eine lebenswerte Zukunft gerichteten Proteste der
„Fridays for Future“-Bewegung oder Praktiken der Nachhaltig-keit, etwa
im Bereich der Ernährung und der Landwirtschaft. Gerade das Bewusstsein
der Eigenzeit von Ressourcen und Narrative der Vergänglichkeit und
Endlichkeit bilden einen basso ostinato gesellschaftlicher Debatten zum
Anthropozän, der globale Produktions- und Konsumkulturen an-gesichts
einer fragilen Zukunft grundsätzlich infrage stellt.

Als machtvolle kulturelle Ordnungskategorie steht Zeit also im
Mittelpunkt konkurrierender Wis-sens- und Werteordnungen und ist damit
selbst ein Gegenstand kulturwissenschaftlicher Wissens-produktion. Vor
allem die scheinbar unendlichen Möglichkeiten digitaler Wissensspeicher
leiteten in den letzten Jahrzehnten einen Paradigmenwechsel in der
Sichtbarkeit von Vergangenem ein. Vor allem kulturhistorische Museen
stehen vor dem Hintergrund dieser zunehmenden Synchronizitäten
historischer Repräsentationen, Utopien und Dystopien inmitten einer
wachsenden politischen und nationalkulturellen Aneignung von Geschichte
vor gewaltigen Herausforderungen. Zeitlichkeit als strukturgebende
Bedingung wird dabei in den Museen anhand des Sammelns und Kuratierens,
des Erzählens und Erinnerns, aber auch im Kontext von Public History und
Citizen Science deutlich, darüber hinaus fordert sie auf der Ebene
methodologischer Diskussionen und im Forschungspro-zess eine
fortwährende Auseinandersetzung ein.

Aus aktuellem Anlass

In Krisenzeiten brechen unbekannte und unvorhersehbare Entwicklungen
etablierte und vertraute Strukturen auf; Alltagsroutinen,
Sicherungssysteme und materielle Existenzbedingungen verlieren ihre
Basis; politische, ökonomische und soziokulturelle Systeme formieren
sich neu. Auch zeitliche Ordnungen verschieben sich massiv, wie sich in
der aktuellen CORONA-Krise zeigt: Zeit wird – je nach
Lebenszusammenhängen – be- oder entgrenzt, persönliche und
gesellschaftliche Planungen verlie-ren ihre Verbindlichkeit oder
erhalten nun besondere Dringlichkeit, Bezüge zwischen Zeit und Raum
müssen neu definiert werden, neue (Un-)gleichzeitigkeiten entstehen und
bestehende werden ver-schärft. Soziale Beziehungen lösen sich teilweise
von nahräumlichen Bezügen und sind verstärkt an Wissen über und
Verfügbarkeit von technischen Geräten gebunden. Die Folgen von
Beschränkungen auf der einen und Freiräumen auf der anderen Seite sind
ebenso Verlust von Vertrauem und Verläss-lichkeit wie verstärkte
Hoffnungen auf eine Zukunft mit solidarischen
Vergemeinschaftungsprozes-sen. Dystopische und utopische Vorstellungen
überlagern sich und illustrieren die Widersprüchlich-keit und Offenheit
der gegenwärtigen Herausforderung.
Eine kulturwissenschaftliche, theoretisch informierte Auseinandersetzung
mit Zeit und der Zeitlich-keit von Kultur scheint gerade angesichts der
globalen Pandemie mit den politischen, sozialen, öko-nomischen
Verwerfungen dringlicher denn je.

Beiträge und Formate

Der 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) möchte
unter dem Titel “Zeit. Zur Temporalität von Kultur” eine tiefere
Auseinandersetzung mit Zeit als prinzipieller Kategorie in der
Formierung und Erforschung gegenwärtiger und historischer Kulturen
anregen. Es sind sowohl theoretische, als auch empirische und
praxisorientierte Beiträge erwünscht, die gegenwartsbezo-gen, historisch
oder vergleichend die Bedeutung von Zeit als kultureller
Ordnungskategorie und epistemologischer Rahmung aktueller und
historischer Transformationsprozesse diskutieren. Der dgv-Kongress 2021
bietet Interessierten grundsätzlich drei verschiedene Beteiligungsformate:

Plenarbeiträge: Im Plenum stattfindende ca. 30-minütige Einzelbeiträge
mit anschließender Dis-kussion. Die Auswahl erfolgt seitens der
Kongressorganisation aus den Einsendungen. Daneben werden einzelne
Expert*innen direkt angefragt.

Sektionen: Parallel stattfindende zweistündige Einheiten aus
üblicherweise drei thematisch ver-wandten Einzelvorträgen (jeweils ca.
20 Minuten Präsentationsdauer mit anschließender Diskussi-on). Die
Gruppierung der Vorträge erfolgt durch die Kongressorganisation

Panels: Parallel stattfindende zweistündige Einheiten mit einem
übergreifenden Thema. Die Panels mit maximal fünf thematisch bezogenen
Einzelvorträgen (inkl. Einleitung, Kommentaren, Resümees o.ä.) werden
von einer Panelleiterin / einem Panelleiter vorgeschlagen. Das
gemeinsame Proposal umfasst die Titel und Kurzabstracts aller einzelnen
Panelbeiträge sowie die Namen und Kontaktda-ten aller Panelteilnehmer*innen.

Innovative und experimentelle Formate: Neben diesen klassischen
Präsentationsformen wird es auch Raum für individuelle Formate geben,
die etwa neue oder ungewöhnliche didaktische Metho-den oder interaktives
Arbeiten ermöglichen sollen.

Der Regensburger Kongress will darüber hinaus die auf den vorherigen
Kongressen etablierte Tradi-tion der forschungspraktischen und
fachpolitischen Workshops weiterführen. Themen können hier etwa Fragen
der Forschungsethik, Methodologie, Digitalisierungspraxis etc. sein.
Eine wichtige Rolle nimmt auch das studentische Panel ein, das
verschiedene Möglichkeiten bieten soll, laufende studentische
Forschungsarbeiten und Projekte vorzustellen und zu diskutieren.

Organisatorische Hinweise

Beachten Sie bei der Einreichung Ihrer Abstracts folgende Vorgaben:

• Die Abstracts müssen außer einer kurzen inhaltlichen Zusammenfassung
Angaben über die Fragestellung und die empirische Basis enthalten bzw.
Auskunft über den Kontext geben, in dem die Arbeit entsteht,
gegebenenfalls mit Angaben zu bereits vorliegenden Veröffent-lichungen,
dem Stand der eigenen Forschung bzw. ersten Ergebnissen.

• Es muss sich selbstverständlich um neue und bislang unveröffentlichte
Forschungspräsen-tationen handeln.

• Die Bereitschaft zur Publikation des Beitrages im Nachgang des
Kongresses wird vorausge-setzt!

• Beiträge können in deutscher oder englischer Sprache präsentiert und
publiziert werden.

• Bitte geben Sie aktuelle Kontaktdaten an; bei Panelvorschlägen sowohl
der verantwortli-chen Organisator*innen als auch aller Beteiligten!

• Die Abstracts für Einzelvorträge dürfen 2.500, die für Panel 5.000
Zeichen (inkl. Leerzei-chen) nicht überschreiten.

• Einreichungen können ausschließlich über das dafür vorgesehene
Formular auf der dgv-Website erfolgen: www.d-g-v.de/call-for-papers/

• Etwaige Rückfragen richten Sie bitte an: geschaeftsstelle@d-g-v.de

• Einsendeschluss ist der 31. August 2020.

Um das Auswahlverfahren zu erleichtern und transparent zu gestalten,
werden alle Einreichenden dringend ersucht, diesen Vorgaben zu folgen.
Vorstand und Hauptausschuss werden auf ihrer ge-meinsamen Sitzung mit
Vertreter*innen des lokalen Ausrichters im Herbst 2020 die Beiträge
aus-wählen und das Programm festlegen. Eine Benachrichtigung über
Annahme oder Ablehnung erfolgt im Dezember 2020.

————————————————————————————–
Deutsche Gesellschaft für Volkskunde e.V. (dgv)
Claus-Marco Dieterich | Geschäftsführer
c/o Institut für Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft
Deutschhausstr. 3 | D-35037 Marburg
geschaeftsstelle@d-g-v.de | www.d-g-v.de
_______________________________________________
Eine Nachricht der kulturwissenschaftlich-volkskundlichen [kv]-Mailingliste (naehere Informationen unter: www.d-g-v.de/dienste/kv-mailingliste).
Wenn Sie selbst einen Beitrag an die Liste schreiben moechten, schicken Sie einfach eine Mail an: kv@d-g-v.de – sie wird dann vom Listenmoderator (kv-moderation@d-g-v.de) weitergeleitet.
Sollten Sie keine Nachrichten mehr ueber die Liste erhalten wollen, tragen Sie sich bitte über die Seite mailman.rrz.uni-hamburg.de/mailman/listinfo/kv aus.

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